Gehirngerechtes Arbeiten

empazio-Spezial

May 6, 2019


Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.
Albert Einstein

Agiles Arbeiten fasziniert


Viele Menschen wollen es. Und viele Unternehmen sehen darin die Möglichkeit, wirksam und erfolgreich am Markt zu sein.
In unserem letzten Beitrag über agiles Arbeiten und Motivation haben wir erläutert, was das Gehirn braucht, um mit agilen Methoden arbeiten zu können.

Hier gibt es nun neurowissenschaftliches Hintergrundwissen dazu.


Was können wir für zukünftige Change-Prozesse – persönliche oder organisationale – lernen, wenn wir wissen, was bei Veränderungsprozessen im Gehirn geschieht?

Wer eine agile Veränderung will, braucht eine neue Art zu denken


Unser Gehirn muss sich für eine agilere Art zu denken neu organisieren. Nervenverbindungen, die für alte Denk- und Verhaltensmuster stehen, müssen sich im Gehirn abschwächen. Gleichzeitig müssen neue Nervenverbindungen (Synapsen) geschaffen und gestärkt werden, die alternative agilere Handlungsmöglichkeiten repräsentieren.

Im Gehirn findet ein physiologischer Umbauprozess in drei Stufen statt:


1. Wenn das Gehirn neue Reize aufnimmt, verstärken sich schon innerhalb von Sekunden bereits vorhandene Synapsen zwischen den Nervenzellen. Das ist notwendig, um sich an soeben Geschehenes erinnern zu können.


2. Um die Gedächtnisfunktion zu unterstützen, entstehen innerhalb von Stunden neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen und stellen so neue Verschaltungen her.


3. Innerhalb weniger Tage wachsen neue Nervenzellen nach. Dieses Wachstum führt zu nachhaltigen Veränderungen im Denken und im Handeln. Es ist die Schlüsselfunktion des Lernens (vgl. Elger 2013).


Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn


Neurowissenschaftler sprechen von erfahrungsbedingter Neuroplastizität und meinen damit die Fähigkeit von Nervenzellen, sich aufgrund von Erfahrungen neu miteinander zu verknüpfen bzw. alte Verknüpfungen, die nicht mehr zieldienlich sind, wieder zu löschen (vgl. Klinkhammer et al. 2015).


Völlig neue Denk- und Verhaltensmuster sind in unserem Gehirn nicht speicherbar. Das Gehirn lernt und speichert über die Vernetzung von Nervenzellen. Um Neues zu lernen – in unserem Fall agiler zu arbeiten – knüpft das Gehirn neue Inhalte an bereits Bekanntes an und wir erweitern so unsere Kompetenzen und Fertigkeiten.


Beim Speichern von neuen Inhalten braucht das Gehirn Andockstellen, die bereits durch Erfahrungen in die physikalische Feinstruktur (vorhandenen Nervenzellen und Nervenverbindungen) unseres Gehirns eingeschrieben worden sind. Erst das Anknüpfen an Bekanntes ermöglicht dem Gehirn, neue Denk- und Verhaltensmuster abzuspeichern.
Dieses neuronale Anknüpfungsprinzip gilt übrigens nicht nur für das kognitive Verständnis eines Veränderungsvorhabens. In besonderem Maße gilt es für die darunterliegende Motivation, eine gewünschte Veränderung im Unternehmen mitzutragen oder im besten Fall aktiv zu mitzugestalten.


empazio®-Tipp:

Erschaffen Sie eine gemeinsame Vorstellung von der gewünschten Veränderung im Team. Bearbeiten Sie Fragen wie bspw. „Wo wollen wir hin?“, „Wie wollen wir als Team/Unternehmen handeln?“. Nutzen Sie die Inspiration und Ideen Ihres Teams. Gruppenarbeit vernetzt neuronales Wissen!


Stellen Sie in Workshops oder Meetings Gruppenaufgaben, bei denen diverse Perspektiven und unterschiedliche Anforderungen durchdacht und bearbeitet werden können.


Laden Sie Ihre Kollegen ein, ihr Wissen – auch aus ihren anderen Lebensbereichen - zu nutzen. Damit stärken Sie die neuen agilen Nervenverbindungen im Gehirn.


Lesen dazu auch unseren BLOG-Artikel „Wir wollen! Agile Werte“.


„Ein häufiger Grund für das Scheitern von Veränderungsprojekten ist der Versuch, sie nebenbei zu bewirken“ (Klinkhammer et al. 2015).


Vielleicht kennen Sie das Gefühl, dass Sie nach einem Seminar voller Schwung und neuer Ideen an den Arbeitsplatz zurückkehren. Allzu häufig verebbt die Aufbruchsstimmung in der realen Umsetzungsarbeit.


Um den Umbau und Ausbau der Nervenverbindungen im Gehirn in Gang zu bringen und auch auf Touren zu halten, muss in den genutzten Nervennetzwerken über eine längere Zeit ein hohes Maß an Aktivität herrschen. Das schaffen wir, wenn wir unser Veränderungsvorhaben in den Fokus unseres Handelns stellen.

Diese drei Punkte bestimmen den Erfolg Ihres Veränderungsvorhabens:


1. Neuronales Wachstum braucht Zeit
Es gibt hier leider keine Richtwerte. Der erforderliche Zeitraum ist individuell und hängt von der Komplexität der Veränderung ab. Wenn Sie eine Fertigkeit jedoch oft genug trainieren, wird diese nach einer gewissen Zeitspanne automatisiert. Bis dieser Schritt jedoch vollzogen ist, braucht es zuvor die regelmäßige Wiederholung in relativ kurzen Zeitabständen.


2. Trainieren Sie für eine ausreichend starke Alltagsdurchdringung
Vergleichen Sie das Wachstum von Nervenverbindungen mit dem Wachstum von Muskulatur. Gehen Sie nur gelegentlich ins Fitnessstudio, werden Sie kaum Veränderungen an Ihrem Körper feststellen. Sichtbar wird der Zuwachs an Muskelmasse erst, wenn Sie regelmäßig mit ausreichend starken Reizen trainieren. Genauso verhält es sich mit dem Wachstum von Nervenzellen. Sichtbar wird Ihr Trainingserfolg durch agileres Denken und Handeln.


3. Sorgen Sie für emotionale Stärke
Notwendig ist der regelmäßige Austausch über aktuelle Erfahrungen. Stellen Sie – im Sinne der Appreciative Inquiry (Cooperrider & Whitney 2005) – das in den Mittelpunkt, was gut funktioniert. Und erkunden Sie mit Ihrem Team, wie mehr davon möglich wird. Veränderungen im Denken und Handeln gehen um vieles leichter, wenn uns ein Thema am Herzen liegt und uns emotional bewegt. Der Grad der emotionalen Aktivierung ist der entscheidende Faktor für den Grad der neuroplastischen Veränderungen im Gehirn (vgl. Klinkhammer et al. 2015).

Fazit


Agiler zu arbeiten ist die Herausforderung der nächsten Jahre. Ein Blick auf die Funktionsweisen unseres Gehirns ist dabei mehr als hilfreich. Neurobiologisch gesehen ist jede Veränderung – auch die agile Transition - ein Lern- und Wachstumsprozess im Gehirn.


Das bedeutet nichts anderes, als dass Nervensysteme lernen, sich durch eine neue Struktur und Funktion an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Durch neu gewachsene Nervenverbindungen entstehen alternative Verhaltensmöglichkeiten, die uns flexibler und vielfältiger denken lassen.
Da die Gehirnstruktur von Menschen durch ihre individuellen Lebenserfahrungen geprägt ist, gibt es kein Patentrezept wie agile Transition hundertprozentig funktioniert. Sie können aber die besten Rahmenbedingungen für die Bereitschaft mitzumachen dafür schaffen.


Entwickeln Sie Rituale und Räume, in denen Menschen miteinander in Austausch gehen können. Machen Sie Gefühle im Team erlebbar. Das Teilen von der Angst vor dem Scheitern bis hin zum Feiern von erreichten Zielen unterstützt und beschleunigt den Umbau der neuronalen Struktur in Richtung Agilität.

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Dr. Ina Rosemeier

Seit über 17 Jahren befasse ich mit dem, was mich am meisten fasziniert: Bewegung und Gesundheit. Bewegung ist für mich gleichermaßen Motor und Herzensangelegenheit. Ich möchte den Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, Impulse geben, sich zu bewegen und ihr Leben aktiv zu gestalten.

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