Strategie

Agiles Arbeiten und Motivation

March 15, 2019

Was unser Gehirn für agiles Arbeiten braucht


Das Zauberwort für agiles Arbeiten heißt Konsistenz. Damit Menschen agiler denken und handeln können, brauchen sie Übereinstimmung in Tat und Wort.

Alles eine Frage der Bindung, oder was?

Ja, genau. Stellen Sie eine tragfähige Beziehung zu Ihren Kollegen her und sorgen Sie dafür, dass Ihre Kollegen diese auch miteinander erleben und mitgestalten können.  

Was unser Gehirn braucht, damit wir agiler denken und handeln können

Wir wollen agiler werden - diesen Vorsatz haben wahrscheinlich gerade sehr viele Unternehmen, um sich an die rasante Entwicklung der Marktbedingungen anzupassen.
Für Prozessoptimierung und Geschwindigkeit werden diverse Organisationsentwicklungsprogramme und Change-Management-Methoden bemüht, die leider oft ohne die erhoffte Wirkung verpuffen.

Nach der Devise „Wir machen das jetzt so“ wird agiles Arbeiten immer noch „von oben“ entschieden. Je häufiger ein Unternehmen derartige Veränderung jedoch verordnet und der fühlbare Nutzen ausbleibt, desto stärker werden die Abwehrreaktionen der Mitarbeitenden. Nicht selten kommt es zu Wut, Frust und Resignation.

„Es bleibt sowieso alles beim Alten“


oder:
„Ich warte einfach ab, bis der Spuk hier vorbei ist.“
„Kenn ich. Hat noch nie funktioniert!“
„Bei uns geht so was nicht!“
„Die da oben sollen erst mal unseren Job machen. Die haben doch keine Ahnung, wie es bei uns läuft.“

Was können Sie tun, um Abwehrreaktionen in Offenheit zu verwandeln?


Schaffen Sie Konsistenz und laden Sie agiles Arbeiten emotional auf!

Das Motivationsmodell von Klaus Grawe (2004) erklärt aus unserer Sicht sehr anschaulich, was Menschen brauchen, um agiler zu denken und zu handeln.
Grawes Modell basiert auf vier Grundbedürfnissen, die in der Psyche aller Menschen festgeschrieben sind:


1. dem Bedürfnis nach Bindung
2. dem Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
3. dem Bedürfnis nach Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung
4. dem Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung


Diese vier Grundbedürfnisse sind von Geburt an in uns Menschen verankert. Grawe (2004) spricht sogar davon, dass alle individuellen Ziele und Verhaltensweisen, die „ein Mensch im Laufe seines Lebens herausbildet“ immer der Erfüllung dieser Grundbedürfnisse dienen. Ihre Ausprägung ist dabei ganz individuell und verändert sich ein Leben lang.
Erfüllen wir uns unsere Bedürfnisse, dann erleben wir Konsistenz. Wir sind motiviert und fühlen uns wohl und leistungsfähig.

Nehmen wir jedoch Inkonsistenz wahr, führt dies zu vielfältigen Abwehrreaktionen. Ein einfaches Beispiel: Bei einem Strategie-Workshop zur Visionsentwicklung in einem Change-Prozess werden den Mitarbeitenden schwarz-weiße Power-Point-Folien gezeigt. Unser Gehirn sucht hier vergeblich nach Übereinstimmung: „Vision? Ich sehe nur schwarz-weiß!“

Menschen streben nach Konsistenz


Um Konsistenz zu erreichen, bilden Menschen im Laufe ihres Lebens bestimmte funktionale (erfolgreiche) und dysfunktionale (nicht erfolgreiche) Strategien (motivationale Schemata) aus. Diese innerpsychische Balanceregulation findet meist unbewusst statt und geschieht durch sogenanntes „motivationales Annäherungs- und Vermeidungsverhalten.“ Durch eine Annäherung werden Bedürfnisse proaktiv erfüllt. Vermeidungsstrategien dienen vor allem dem Schutz vor Verletzungen, Enttäuschungen oder Bedrohungen.

Nach Grawe (2004) wird Konsistenz dann erreicht, wenn die Grundbedürfnisse ausgeglichen und die motivationalen Ziele erreicht sind. Und je höher die Konsistenz ist, desto gesünder und motivierter ist der Mensch.

Ist nun alles eine Frage der Bindung, oder was?


Menschen brauchen von Geburt an Bindung und Kontakt. Ohne sichere Beziehungen sind wir nicht handlungsfähig und die Wahrscheinlichkeit zu erkranken ist hoch.
Das Bedürfnis nach Bindung beinhaltet alle positiven Beziehungen, die wir eingehen. Dazu gehören auch die Beziehungen zu Freunden und Arbeitskollegen. Können Menschen ihr Bedürfnis nach Bindung bei der Arbeit befriedigen, führt dies nachweislich zu hoher Motivation (Kosfeld et al. 2005).

Besonders in Veränderungsprozessen wie dem Weg in die Agilität möchten Menschen mit ihren Chefs und Kollegen in Kontakt sein, um Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu spüren.
Um Bindung erleben zu können, brauchen wir – vor allem im Arbeitsumfeld – die Gelegenheit dazu. Überprüfen Sie an dieser Stelle einmal Ihr Verhalten. Geben Sie Ihren Kollegen Raum und Zeit für echten Austausch und Kontakt?


Wie können nun konkret Ihre ersten agilen Schritte aussehen?

Geben und nehmen Sie Feedback
Feedback schafft Bindung (Grundbedürfnis 1). Es stärkt das Vertrauen und Offenheit durch ein besseres Verständnis für sich und für andere. Wenn es sensibel und professionell ausgesprochen wird, können Erwartungen
und kritische Inhalte geäußert werden (Grundbedürfnis 2: Orientierung und Grundbedürfnis 3: Selbstschutz und Selbstwerterhöhung).

Seien Sie glaubwürdig
Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Reden und Handeln zusammenpassen (Grundbedürfnis 2: Orientierung). Nehmen Kollegen Ungereimtheiten bei Ihnen wahr, ist ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet, nach
Übereinstimmung zu suchen. Finden sie diese nicht, schaltet sich der gehirneigene Abwehrmodus ein und Menschen wenden sich emotional ab.

Geben Sie bei allem Druck Orientierung
Ein besonderer Orientierungsgeber im agilen Arbeiten ist das Daily-Meeting. Als Herzstück der Teamkommunikation werden hier in hohem Maße die Bedürfnisse nach Bindung und Orientierung erfüllt. Das gibt
Sicherheit und schafft täglich einen Raum, in dem Ihre Kollegen ihre Arbeit sichtbar machen und ihren eigenen Beitrag zum Teamergebnis spüren (Grundbedürfnis 4: Lustgewinn).

empazio®-Tipp: Bieten Sie verlässlich Gelegenheiten an, in denen Sie sich mit Ihren Kollegen über Ihre eigenen Bedürfnisse und organisationalen Interessen austauschen. Nicht erst im Krisenmodus, sondern kontinuierlich und verbindlich. Quasi als agilitätsfördernde Maßnahme. So entsteht einerseits zwischenmenschliche Bindung und Vertrauen, andererseits Vertrautheit und Routine in Gesprächssituationen (vgl. Klinkhammer et al. 2018).

Fazit


Um agil denken und handeln zu können, brauchen Menschen Konsistenz.


Erleben Menschen bei der Arbeit Konsistenz, öffnen sie sich für Veränderung. Konsistenz in Tat und Wort gibt Sicherheit in einer Arbeitswelt, die sich ständig wandelt.
Grundlage von Konsistenz ist die Erfüllung der vier individuellen Grundbedürfnisse nach Bindung, Orientierung, Selbstwertschutz und Lustgewinn.
Erst wenn die persönlichen Grundbedürfnisse spürbar und in die Prozessabläufe integriert sind, sagt unser Gehirn „Super! Bei dem Job bin ich dabei!“

Der Motivationsturbo sind tragfähige Beziehungen unter Kollegen. Sie bilden das Fundament für agiles Arbeiten. Wichtig ist, dass Menschen positive Beziehungen miteinander erleben und mitgestalten können.

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Dr. Ina Rosemeier

Seit über 17 Jahren befasse ich mit dem, was mich am meisten fasziniert: Bewegung und Gesundheit. Bewegung ist für mich gleichermaßen Motor und Herzensangelegenheit. Ich möchte den Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, Impulse geben, sich zu bewegen und ihr Leben aktiv zu gestalten.

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